Kurzgeschichte: Mangoeis

Mangoeis

„Ich nehme Mango und du?“ Simone steht mit vor der Brust verschränkten Armen neben mir.

Wir stehen jetzt seit zehn Minuten an und ich weiß nicht, ob ich  Fruchteis oder Milcheis nehmen will. Mit Sahne oder lieber ohne Sahne? Streusel kann ich definitiv ausschließen.

Simone weiß, was sie will. Ich nicht. Dabei sagt man Männern doch nach, dass sie angeblich zu allem eine Meinung haben.

„Anton? Alles okay? Du guckst schon wieder so komisch? Machst du dir über irgendetwas Gedanken?“ Simone sieht mich mit einen Gesichtsausdruck an, als wäre ich ein einfältiger Junge, der ihre Unterstützung braucht.

Was erwartet sie, was soll ich darauf erwidern? Das nervt. „Ach nix. Ich überlege nur, wie viele Kugeln ich nehme.“

„Okay“, sagt sie gedehnt und dreht sich demonstrativ von mir weg.

Wir sind jetzt zwei Jahre zusammen. Einen Großteil dieser Zeit läuft alles super, bis Simone  mal wieder ein Projekt aus mir macht. Projekt Anton, so nennen es meine Freunde Emil und Jan jedenfalls. Anfangs fand ich ihr Interesse an mir großartig. Alles, was ich machte, fand sie ungeheuer spannend. Sie teilte meine Leidenschaft fürs Motorrad fahren, für mein Meerwasseraquarium und hatte Verständnis dafür, dass ich mein Studium entspannt angehen lassen wollte.

Es hat ganz klein angefangen.

Ja, ich fand es auch doof, dass mein Auto immer nach alten Kippen gerochen hat, wenn ich eingestiegen bin, also war es schon in Ordnung, nicht mehr darin zu rauchen. Da war der nächste  Schritt, auch nicht mehr in der Wohnung zu rauchen, logisch. Inzwischen rauche ich offiziell nicht mehr. Inoffiziell , wenn ich weiß, dass ich Simone an diesem Tag nicht mehr sehe oder wenn ich vorher noch meine Klamotten wechseln kann.

Oder mein entspanntes Studentenleben. Obwohl ich kein Bafög bekomme, hatten meine Eltern mit meinem Zeitplan kein Problem, daher wollte ich möglichst wenige Kurse gleichzeitig belegen. Simone fand, dass ich meine Zeit verschwende. Dass es unhöflich wäre, wenn ich meinen Eltern solange auf der Tasche liege. Womit sie im Prinzip ja auch recht hat, nur ergibt sich damit die nächste Schwierigkeit für mich – ich habe absolut keinen Plan, was ich nach meinem Studium machen soll. Simone hat einen Plan. Inzwischen studiere ich nicht nur Architektur sondern im Nebenfach auch Design, damit habe ich in der freien Wirtschaft wohl mehr Möglichkeiten. Ich könnte dann auch hässliche kleine Haushaltsgeräte designen, also Robotorrasenmäher oder Stehlampen. Das fetzt mich wirklich nicht an, Simone meinte aber, es wird verdammt gut bezahlt.

Meine Freunde haben mir gesagt, dass ich einen Knall habe, weil ich Simone so über mein Leben bestimmen lasse, doch so ist das nicht. Ich leiste nur keine Gegenwehr. Ich habe keinen Bock auf ihre stundenlagen Monologe, also nicke ich ihre Vorschläge ab oder umgehe sie. Wie mit dem Rauchen oder letztens, mit dem Kurs für Hochbau-Konstruktion. Ich weiß nicht ob er wirklich schon voll war, ich hatte von einem Kommilitonen gehört, dass er ziemlich belegt sein soll und ich mich ranhalten müsste. Und obwohl ich mich nicht wirklich schuldig fühle, schließlich ist das mein Studium und mein Leben, hinterlässt es bei mir den schalen Nachgeschmack von Betrug.

Inzwischen sind wir in der Schlange so weit vorgerückt, dass uns die Eisverkäuferin fragt: „Was möchten Sie?“

Simone antwortet für uns beide, einfach so, ohne auch nur darüber nachzudenken: „Ich nehme zwei Kugeln Mango im Becher und er möchte drei Kugeln mit Sahne, Schokolade, Vanille und Nougat.“

Ich bin stinksauer, trotzdem nehme ich der Verkäuferin wortlos mein Eis ab und sehe zu, wie meine Freundin bezahlt. Die Sahne friert langsam an den Eiskugeln fest, das ist das Beste daran. Sahne passt für mich nur zu Milcheis, also wäre Fruchteis bestimmt keine gute Wahl gewesen.

Simone dreht sich zu mir um, ihre Zungenspitze taucht in ihr Mangoeis und ihre Augen blitzen dabei glücklich auf. Ich liebe es, wenn sie das macht.